Skitour auf den Weißen Knoten: Vom Winde verweht

Mein Gesicht brennt. Der Wind peitscht mir mit 90 km/h Schneekörner um die Ohren. Sie fühlen sich an wie Nadelstiche, wenn sie auf meine Haut prallen. Tausende Schmerzreize. Jede Sekunde. Ich versuche, jede freie Stelle meines Körpers zu bedecken. Ziehe meine Kapuze tief ins Gesicht, drücke meine Brille so nahe an die Augen, wie möglich. Ohne Erfolg. Die biestigen Geschosse bahnen sich unaufhaltsam ihren Weg. Den Kragen meiner Jacke würde ich am liebsten mit den Zähnen nach oben ziehen. Aber der Wind nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich brauche den Sauerstoff durch den Mund.

Vroni und ich stehen am Grat des „Weißen Knotens“. Der Gipfel des 2.865 Meter hohen Berges ist nur eine Armlänge entfernt. Trotzdem ist an Weitergehen im Moment nicht zu denken. Wir kauern uns so nahe wie möglich an die Schneeoberfläche. Der Wind fegt über unsere Rücken und nimmt uns jegliche Sicht in Aufstiegsrichtung.

Wie aus dem nichts steht plötzlich unser Bergführer Peter neben uns. Er war etwas vorausgegangen und ist umgekehrt. „Wir müssen vom Grat runter“, brüllt er gegen den Wind an. Vroni und ich rappeln uns auf und rutschen auf den Fellen etwa 20 Meter ab. Hier bläst der Wind etwas verhaltener. Aber nur etwas. Kehren wir um?

Überraschung: Sonne!

Umkehren wäre vor allem deshalb bitter, weil sich der Tag unverhofft prächtig entwickelt hat. Am Morgen sind in Matrei noch Regentropfen gefallen. Wir sind spät gestartet und haben uns im Hotel Outside an dem üppigen Frühstücksbuffet ausgetobt. Als wir um acht Uhr gemeinsam mit Peter nach Kals fahren, klart der Himmel bereits auf und erste Sonnenstrahlen kämpfen sich durch die Wolkenfetzen. Wenn wir jetzt noch auf Pulver stoßen, ist der Tag perfekt.

Als die ersten am heutigen Tag ziehen wir vom Lucknerhaus unsere Spuren durch den schweren Schnee. Von Pulver keine Spur. Je höher wir steigen, umso fluffiger aber wird die Schneedecke. Und umso schärfer bläst der Wind über das Plateau, auf dem wir auf den Weißen Knoten zusteuern. Damit hat heute niemand gerechnet. Nicht einmal der Wetterbericht. Kurz vor dem Südhang des Berges biegen wir nach links ab und steigen zum Südwest-Grat des Gipfels auf. Der Wind füllt die Spuren, die Peter durch den Schnee zieht, unwillkürlich wieder an.

Als ich meinen Körper vorsichtig auf den Grat manövriere, wirft mich die Wucht des Windes fast um. Vroni und ich lassen uns auf den Boden fallen. Das ist angenehmer, als sich gegen den Wind zu stemmen. Noch immer die Frage: Kehren wir um?

Weiterkämpfen

Peter motiviert uns, einen zweiten Versuch zu wagen. Wir packen uns noch besser ein. Ich ziehe meine Windjacke über und hänge mich an Peter an. Vroni tappt hinter uns her. Der Wind ist weiterhin unbarmherzig. Mal kommt er von links, mal von vorne. Eher selten von hinten. Oft bewegen sich die Böen so schnell, dass wir anhalten und uns auf unseren Stöcken abstützen müssen. Dann vergrabe ich mein Gesicht in den Ellenbogen und kneife die Augen zusammen. Lässt der Wind nach, watscheln wir die nächsten Schritte auf den Gipfel zu.

Der Wind hat in penibler Kleinarbeit jedes Schneeflöckchen vom Grat entfernt, dass nicht fest am Untergrund klebt. Die Aufstiegsspur ist quasi nicht mehr vorhanden. Zwischen einzelnen eisigen Passagen ragen schroffe Felsteile aus dem gepressten Schneeschicht hervor. Ich würde gerne meinen nagelneuen Atomic Backland ausziehen und zum Gipfel tragen. Der Wind und Peter sind anderer Meinung. Der eine würde den Ski sofort wegfegen, wenn ich ihn nur eine Sekunde aus den Händen oder Beinen ließe. Der andere ist der Meinung, dass ein Tourenski auch auf Fels gut trägt und tritt mit Fellen und Kanten auf die spitzen Steine, die zuhauf aus der mageren Schneeschicht ragen. Ich tue es ihm gleich, setzte meine Skier aber etwas gefühlvoller auf den rauen Untergrund. Einige solcher Balanceakte später schnallen wir die Skier am Skidepot ab. Endlich windgeschützt! Die wenigen Meter zum Gipfelkreuz stapfen wir in Skischuhen hoch. Und bieten dem Orkan erneut die Stirn.

Eigentlich hat man vom Gipfel einen sagenhaften Blick auf den Großglockner. Dieser bleibt uns heute verwehrt. Immerhin taucht das Böse Weiberl ab und zu hinter den Wolken auf. Ein magischer Gipfelmoment ist es trotzdem. Der Wind peitscht uns um die Ohren. Völlig den Elementen ausgesetzt klammern wir uns für ein Bild aneinander. Dieser Moment steht für eine großartige Woche in Osttirol und für eine Berghasen-Freundschaft, die in dieser Zeit noch intensiver geworden ist.

Wir lassen einander los. Peter ist anzusehen, dass er geil auf die Abfahrt ist. Die Bedingungen sehen gut aus und deshalb soll es die Variante über den steilen Südhang werden. Felle ab, Skier an und los! Natürlich fahren wir einzeln, suchen uns gute Sammelpunkte und versuchen, eine zu starke Belastungen auf die Schneedecke durch Stürze zu vermeiden. Mit diesen Grundregeln im Hinterkopf kosten wir die Abfahrt voll aus. Für Frühjahrsbedingungen ist der Pulver grandios. Wedeln oder weite Schwünge ziehen – beides ist im völlig unverspurten Hang möglich. Wer spurt, der fährt zuerst. Heute sind wir die Glücklichen und rauschen mit einem breiten Grinsen an denen vorbei, die noch mit dem Aufstieg kämpfen.

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